Genogramm im Gespräch
Familienbeziehungen gemeinsam betrachten: mit offener Zeichenvorlage und Leitfragen für die soziale Arbeit.
Wofür ist die Vorlage geeignet?
Für Fachkräfte, die Familienbeziehungen gemeinsam mit Beteiligten betrachten.
- Gut geeignet
- Wenn Beziehungen über Generationen für das aktuelle Anliegen wichtig sind.
- So startest du
- Kläre zuerst, wofür ihr die Übersicht erstellt und wessen Sicht sie zeigt.
Genogramm-Arbeitsblatt
Zeichenblatt, Gesprächsleitfragen und Zeichenlegende · PDF zum Ausdrucken · 3 Seiten · Version 1.2
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Als Orientierung, nicht als fachliche Musterlösung. Die Arbeitsvorlagen bleiben leer; bereits enthaltene Beispielseiten und das Excel-Beispielblatt sind gesondert gekennzeichnet.
Genogramm
Vollständig erfundenes Beispiel – keine Vorgabe für echte Fälle.

Beispiel als Text lesen
Erfundenes Beispiel vom 26.09.2026, Milas Sicht: Oma Ruth ist Mutter von Anne und Nora. Anne und Nora sind Schwestern. Anne ist Milas Mutter. Mila (15) steht mit einem Doppelkreis im Mittelpunkt. Die zusätzliche Linie mit Pluszeichen zu Nora beschreibt Milas Erleben: „Nora hört mir zu.“ Andere Perspektiven wurden noch nicht erfragt. Kreise stehen hier für weiblich; alle Namen sind erfunden.
Warum ein Genogramm erstellen?
Im Gespräch fallen oft viele Namen: die Mutter, ein früherer Partner, die Oma, eine Tante, bei der das Kind zeitweise gelebt hat. Ein Genogramm bringt diese Informationen in eine gemeinsame Übersicht. Es zeigt nicht nur, wer zur Familie gehört, sondern kann auch Veränderungen und unterschiedlich erlebte Beziehungen sichtbar machen.
Der Nutzen liegt dabei auch im gemeinsamen Zeichnen: Beteiligte können ergänzen, widersprechen und selbst erklären, wer für sie Familie ist. Die Darstellung eröffnet Fragen nach Unterstützung und Erfahrungen über Generationen hinweg. Sie liefert aber keine fertige Erklärung für das Verhalten eines Menschen. Zum fachlichen Hintergrund: Pope und Lee (2015): Genograms in Social Work Practice.
Wobei hilft es im Arbeitsalltag?
- Orientierung gewinnen: Wer gehört dazu, wer lebt mit wem und wer übernimmt im Alltag welche Aufgaben?
- Ressourcen entdecken: Wer hört zu, hält Kontakt oder könnte nach eigener Zustimmung unterstützen?
- Veränderungen besprechen: Was hat sich etwa durch einen Umzug oder einen Wechsel der Betreuung verändert?
- Perspektiven unterscheiden: Eine Verbindung kann von verschiedenen Beteiligten unterschiedlich erlebt werden.
Ein Genogramm passt, wenn familiäre Zusammenhänge für das aktuelle Anliegen wichtig sind. Für Angebote, Schule, Freundschaften und Unterstützung im Umfeld eignet sich ergänzend die Netzwerkkarte. Nicht jedes Gespräch braucht beide Methoden. Bei akuter Belastung können ein kurzes Gespräch und konkrete Unterstützung hilfreicher sein als eine ausführliche Familienübersicht.
Ein Genogramm anfertigen – Schritt für Schritt
Du brauchst das Zeichenblatt, einen Stift und die Legende. Lass genügend Platz für Ergänzungen. Die folgenden Gesprächsformulierungen sind Vorschläge, keine vorgeschriebenen Fragen. Das durchgehende Beispiel mit Mila und ihrer Familie ist vollständig erfunden.
1. Anlass, Beteiligung und Umgang mit der Zeichnung klären
Erkläre, wozu ihr zeichnet, wer die Darstellung später sieht und wo sie aufbewahrt wird. Besprecht, was heute Platz haben soll und was nicht. Halte Datum, Anlass und die Perspektive der erzählenden Person fest.
„Mila, ich würde gern mit dir sortieren, wer in deiner Familie wichtig für dich ist. Vielleicht sehen wir dann klarer, wen du bei deinem nächsten Schritt dabeihaben möchtest. Passt das für dich? Was möchtest du heute lieber auslassen?“
2. Mit der Person im Mittelpunkt beginnen
Trage Mila mit Kürzel oder vereinbartem Namen und – falls relevant – ihrem Alter ein. Markiere die Bezugsperson mit einer doppelten Umrandung. Erkläre die Zeichen: Traditionell werden etwa Kreis und Quadrat verwendet. Kläre passende Selbstbezeichnungen, statt Geschlecht aus Namen oder Aussehen abzuleiten; alternative Zeichen gehören in die Legende.
Im Beispiel: Mila, 15, erhält einen Doppelkreis. Daneben steht „Sicht von Mila · 26.09.2026“. Für eine echte Arbeitsnotiz verwendet ihr nur die erforderlichen Angaben.
3. Personen und Generationen anordnen
Frage zunächst, wen Mila nennen möchte. Ordne ältere Generationen oberhalb an, Geschwister auf gleicher Höhe. Häufig ist ein Blick auf drei Generationen hilfreich; ihr müsst dafür aber keine vollständige Familiengeschichte erheben. Unbekanntes bleibt offen. Biologische, rechtliche und soziale Elternschaft sowie wichtige andere Bezugspersonen dürfen nicht stillschweigend gleichgesetzt werden.
„Wer gehört für dich dazu?“ Mila nennt ihre Mutter Anne, deren Schwester Nora und ihre Oma Ruth. Ruth kommt nach oben, Anne und Nora darunter, Mila unter Anne. Weitere Familienmitglieder wurden in diesem Ausschnitt noch nicht besprochen – das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt.
4. Familienverbindungen zeichnen
Verbinde Partner entsprechend der Legende. Von der Paarlinie führt eine senkrechte Linie zur Kinder- beziehungsweise Geschwisterlinie; von dort gehen einzelne Linien zu den Kindern. Bei einer unvollständig dargestellten Elternkonstellation beschrifte die gezeigte Eltern-Kind-Verbindung eindeutig. Zeichne keine Partnerschaft hinzu, über die nichts bekannt ist.
Trennung, Scheidung, Adoption oder Pflegeverhältnisse werden mit den jeweils erklärten Zeichen unterschieden. Ergänze relevante Zeitangaben nur, wenn sie bekannt sind. Ein gemeinsamer Haushalt kann mit einer beschrifteten Umrandung markiert werden; er ist nicht dasselbe wie Verwandtschaft.
Im Beispiel führt eine Verbindung von Ruth zu den Schwestern Anne und Nora. Anne ist mit Mila als Mutter und Tochter verbunden. Weitere Elternbeziehungen bleiben ausdrücklich offen. Die ausführliche Zeichenlegende auf Seite 3 (neuer Tab) hilft beim Einzeichnen anderer Konstellationen.
5. Erlebte Beziehungen zusätzlich beschreiben
Familienstruktur und Beziehungsqualität sind zwei unterschiedliche Ebenen. Frage konkret nach dem Erleben, bevor du eine zusätzliche Beziehungslinie einzeichnest. Schreibe dazu, wer die Einschätzung äußert und wann. Nutze nicht nur Farben, sondern auch erklärbare Linienzeichen und kurze Worte.
„Zu wem gehst du, wenn du jemanden zum Zuhören brauchst?“ Mila sagt: „Nora hört mir zu.“ Zwischen Mila und Nora ergänzt ihr eine Linie mit Pluszeichen, wie in der Legende erklärt, und notiert Milas Aussage. Daraus folgt nicht automatisch, dass Nora Betreuung übernehmen kann oder möchte.
6. Gemeinsam nach Bedeutung und Unterstützung fragen
Bleibe bei offenen Fragen statt aus dem Bild Ursachen abzuleiten. Frage auch nach Ausnahmen und gelungenen Situationen. Unterschiede zwischen den Erzählungen dürfen sichtbar bleiben; bei Bedarf helfen getrennte, datierte Darstellungen.
„Was fällt dir auf, wenn du die Zeichnung anschaust?“ · „Wann hat dir der Kontakt zu Nora schon einmal geholfen?“ · „Gibt es jemanden, der noch fehlt?“ · „Was würde deine Mutter vielleicht anders einzeichnen?“
7. Korrigieren lassen und einen nächsten Schritt vereinbaren
Bitte die beteiligte Person, die Übersicht zu prüfen. Halte offene Fragen und fachliche Hypothesen getrennt von berichteten Angaben fest. Vereinbart einen kleinen nächsten Schritt und aktualisiert das Genogramm, wenn sich etwas verändert.
Mila möchte überlegen, ob Nora bei einem Gespräch dabei sein soll. Ihr vereinbart, das beim nächsten Termin erneut zu besprechen. Eine Kontaktaufnahme wird nicht allein aus der Zeichnung abgeleitet; Zweck, Beteiligung und zulässige Weitergabe müssen zuvor geklärt sein.
Weitere kleine Gesprächsbeispiele
- Unterschiedliche Wahrnehmungen: Anne beschreibt häufigen Streit, Mila betont gemeinsame gute Abende. Beide Aussagen mit ihrer Quelle notieren, statt eine einzige „richtige“ Beziehungslinie festzulegen.
- Ein wichtiger Mensch fehlt: Mila möchte die frühere Pflegeperson ergänzen. Ihr klärt ihre Bedeutung und kennzeichnet die Verbindung ausdrücklich, ohne biologische Verwandtschaft darzustellen.
- Ein Thema ist zu viel: „Darüber möchte ich heute nicht reden.“ Ihr lasst den Bereich offen und klärt, ob eine Pause oder ein anderes Thema hilfreicher ist.
Grenzen und sorgfältiger Umgang
Das Genogramm ist eine Gesprächs- und Orientierungshilfe, kein Diagnoseverfahren und kein Beweis für Ursachen, Schuld oder eine Gefährdung. Familiäre Ähnlichkeiten sind zunächst Anlass für Fragen, nicht für Festlegungen. Schutzaufträge, akute Gefährdungseinschätzungen und verbindliche Verfahren werden dadurch nicht ersetzt.
Auch Kürzel machen die Darstellung nicht automatisch anonym: Familienkonstellationen und Ereignisse können Personen erkennbar machen. Nimm nur erforderliche Informationen auf, kläre die geltenden Zugriffs- und Weitergaberegeln und bewahre die Zeichnung geschützt auf. Sensible Angaben nicht unnötig im gemeinsamen Gespräch offenlegen.
Auch ohne Zeichnung nutzbar
Seite 2 der Vorlage bietet eine beschreibende Fassung. Personen, Verbindungen, Unterstützung und offene Fragen lassen sich auch mündlich sammeln oder schriftlich festhalten. Die Methode soll zum Menschen passen, nicht umgekehrt.
Zur reflektierten Verwendung von Personenzeichen und Familienrollen: Research in Practice (2024): Rethinking gender in genograms. Die internationalen Praxisquellen sind keine deutschen Rechtsgrundlagen; sie haben dieses Material nicht geprüft oder freigegeben.
Zur Zeichenlegende
Die Grundzeichen orientieren sich an Jan Gramm: Genogrammanleitung auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Seiten 3, 4 und 8 (PDF). Die Fallfokus-Legende ist eigenständig und verkürzt gezeichnet. Die Quelle stammt aus der Palliativversorgung; sie ist keine Vorgabe für die Jugendhilfe und keine Freigabe unseres Materials.
Familienverbindung und erlebte Beziehungsqualität sind getrennte Angaben. Notiere bei Bewertungen die berichtende Person und den Zeitpunkt. Geschlechtsidentität nicht aus Namen oder Aussehen ableiten; verwendete Zeichen und Selbstbezeichnungen gemeinsam klären.
Herausgegeben von Fallfokus · Projektverantwortung: Erik Beger · Seitenstand: 26.09.2026. Quellen und Nutzungshinweise
